Berthold Beiler: Die zweite Besonderheit der Fotografie: Die Exposition

 

Alles Fotografieren beginnt mit dem Sehen. Das hört sich beinahe wie eine Binsenweisheit an, denn jede Erkenntnis beginnt mit dem lebendigen Anschauen. Für die Fotografie hat es mit dem Sehen de r Dinge vor der Kamera aber noch eine besondere Bewandtnis. Die klassischen Bildkünste bauen ihre Werke Stück um Stück mit den jeweiligen Formelementen der Gattung auf, sie komponieren im Sinne von componere, des Zusammenstellens

Die ästhetisch-künstlerische Fotografie dagegen schneidet die Ganzheit ihrer Bilder aus der Wirklichkeit heraus, und die alten Fotografen hatten so unrecht nicht, wenn sie die Belichtung als „Exposition“ bezeichneten. Es sei uns heute gestattet, den Begriff als „Ex-position“ im Sinne des ex-ponere, des Herausstellens zu deuten. Dieses Ausschneiden des Bildes als Ganzes aus seiner lebendigen Umwelt ist die zweite Besonderheit der Fotografie und zugleich ihr Höhepunkt im Schaffensprozess. Denn nur hier wird Wirklichkeit ins Bild genommen und damit die Chancen jeder weiteren Bearbeitung bestimmt. Deshalb steht das ästhetische Sehen, die Fähigkeit das Wirkliche begreifend und bildhaft ordnend anzuschauen, tatsächlich im Mittelpunkt der ästhetisch-künstlerischen Fotografie. Ist diese Fähigkeit mangelhaft ausgebildet, so endet auch das perfekteste technische Können in artistischen Spiegelfechtereien, und es ist unbestritten, dass schlechte Bilder viel häufiger auf einem Mangel an Sehen als auf schlechter Technik beruhen.

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Heute begreift ein leidlich geschickter Amateur den technischen Prozess in wenigen Stunden, das Übrige ist dann experimentelle Erfahrung und Routine. Unterweisung im Fotografieren muss vor allem in erster Linie eine Schule des Sehens, des Umdenken der Naturform in die Bildform und eine Erziehung der Persönlichkeit sein.

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Niemand zweifelt daran, dass der Maler, der die Bildelemente auf der Fläche kom-poniert, neben der manuellen vor allem eine geistige Leistung vollbringt. Wie steht es aber um die Ex-position? Hier hängt es völlig vom Fotografen ab, was er, nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ, im Sucher sieht. Er kann sich damit begnügen, das Objekt irgendwie im gegebenen Format unterzubringen. Er kann aber auch die Gegenstände vor der Kamera bereits ordnend sehen. Vom rechten Standpunkt her, im rechten Licht, im rechten Moment und im wirksamen Ausschnitt.

Dabei wird von ihm ein schnelleres optisches Erfassen und Ordnen der Formelemente verlangtals von jeder anderen Bildgattung. In Augenblicken, die oft nur Sekunden dauern, muss er den Gegenstand in seinem Wesensgehalt wahrnehmen und zugleich sehen, in welcher Umgebung er steht, welche <Details wichtig sind, in welches Licht sie gehören, wie sich die Helligkeitsunterschiede in Grautönen abstufen, welche Konturen als Linien hervortreten werden, wie sie verlaufen und wo störende Einzelheiten sich vordrängen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wirklichkeit durchaus kein geordnetes Nebeneinander der Motive anbietet. Sie besteht aus unzähligen, ineinander verschachtelten Ausschnitten, von denen jeder größere wieder kleinere in sich birgt, die sich zudem bei jedem Schritt zur Seite verschieben und mit dem Lichteinfall immer wieder neu und anders werden. Deshalb ist eine wesentliche Schule des Fotografen die Entwicklung der Fähigkeit, im Gefüge der Realität schon den formalen Aufbau des Bildes zu entdecken, Konturen als Linien, Farben als Flächen und Schatten als Lichtkontraste wahrzunehmen und zugleich in ihre Bildwirkung umdenken zu können. Dieses Inhalt-Form-Sehen vor der Natur bedarf nicht weniger Übung als die manuelle Komposition des Malers. Es ist zwar eine andere und raschere, aber keinesfalls geringere geistige Leistung als das Komponieren.

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Die Fotografen überlegen oft, ob die Kompositionsregeln der klassischen Bildkünste für sie noch von Bedeutung sind. Richtig verstanden ja, denn sie stellen die Summe der ästhetischen Erfahrungen aus vielen Jahrhunderten dar und lassen deutlich ihre Ableitung aus dem Leben erkennen. Der Kreis als Ausdruck der Geschlossenheit, die Stabilität des auf der Grundlinie ruhenden Dreiecks, die statische Wirkung der Senkrechten und Waagerechten und die Dynamik der Diagonalen sind nichts anderes als die ins ästhetische Bewusstsein transponierte Erfahrenheit mit den Dingen selbst. Wenn der Fotograf solche Erkenntnisse nutzt, plagiiert er nicht den Maler. Denn auch der ahmt nur nach, was die großen Leitbilder der Kunst und die Natur ihm vorgeben. Der Fotograf tut freilich ein Besonderes: er kehrt mit dem Schatz künstlerischer Formerfahrungen an den Ursprung zurück und bestätigt ihre Existenz an und in den Konturen und Flächen der Wirklichkeit. Er muss dabei nur wissen, dass der goldene Schnitt oder die Diagonale für sich genommen noch keine guten oder bedeutenden Bilder ausmachen. Es gibt genug Aufnahmen, in denen das formale Regelwerk stimmt, sie sind aber trotzdem sehr langweilig. Es gibt aber auch andere, die sind von der Gewalt des Augenblicks her so erregend, dass der Betrachter sich den Teufel um ihr Form-Maß schert. Die Aufnahme aus dem Dresden nach 1945 lässt sich einfach nicht von einer Diagonalen oder den Kontrasten her werten.

Ausschnitt aus: Berthold Beiler, Weltanschauung der Fotografie.

Antiquarisch noch zu bekommen, z.B. hier: https://www.eurobuch.com/buch/isbn/3881120432.html

2 Gedanken zu „Berthold Beiler: Die zweite Besonderheit der Fotografie: Die Exposition“

  1. Toll – diese Zitate vom „alten“ Beiler – hochaktuell für die parteiliche Arbeit am „Sucher“ – entschuldigt, das ist old school!
    Ich besitze den Beiler noch aus alten DDR-Zeiten!
    Viel Erfolg bei eurer Arbeit!

    1. Für mich auch heute noch ine vielerlei Hinsicht der fotografische Leitfaden, Heinz, und man bekommt ihn heute relativ preiswert bei booklooker oder anderen Antiquariaten.
      Gruß aus Berlin
      Peter Zenker

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