Die Parteilichkeit als ästhetische Kategorie, Berthold Beiler

Berthold Beiler

Die Parteilichkeit als ästhetische Kategorie

Quelle: Beiler, Berthold: Die Gewalt des Augenblicks. VEB Fotokmoverlag. Leipzig. 1969, S. 137 ff.

Berthold Beiler (1915-1975). Professor für Kunstgeschichte.

worunter zu verstehen ist, daß im Bilde oder vermittels des Bildes anschaulich wahrgenommen werden kann, auf welcher Seite der Autor im Widerspruch der Ideologien und Lebensgefühle steht.

Manche Fotografen haben ein gewisses Unbehagen, wenn sie das Wort Parteilichkeit hören. Sie meinen, darin läge eine Einengung ihrer Freiheit, läge die Vorschrift, in bestimmten Bahnen zu denken, läge eine aufgezwungene Voreingenommenheit. Aber daß unsere Wahrheiten objektiv sind, mit den Realitäten übereinstimmen. heißt doch nicht, daß sie dem gesellschaftlichen Geschehen gegenüber neutral wären. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, seine Interessen. Gedanken und Wünsche werden durch die Widersprüche seiner Zeit geformt, und er nimmt ständig für die eine oder die andere Seite dieser Widersprüche Partei. Er hat dabei die Freiheit, die Seiten zu wechseln und Wahrheiten in Lügen zu verkehren, er kann sowohl für das Gute wie für das Schlechte Partei ergreifen. aber niemand hat die Freiheit, neutral zu bleiben. Denn „man kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein“ (Lenin).Wir wollen deshalb immer wieder mit unsichtbaren, aber großen Lettern über das Fotografieren und das Anschauen von Fotos das alte „Cui bono?“ schreiben. Wem nützt es, das ist Frage und ethische Forderung zugleich. Diese Forderung ist nicht immer bequem, und viele Fotografen neigen dazu, sie als einen lästigen Einbruch in die stille Weltabgeschiedenheit ihres Hobbys anzusehen. Trotzdem kann ihr keiner ausweichen, denn „wer das Schlechte nicht bestraft, befiehlt, daß es geschehe“ (Leonardo). Weil das so ist, fällt auf, wie oft heute in der wesentlichen Fotolitertatur ein solches Ausweichen geradezu empfohlen wird. Sieht man genauer hin, so verbirgt sich hinter der postulierten Neutralität allerdings meist nur die maskierte Parteilichkeit für die eigene, vielfach schlechte Sache.

Pawek verkündet z. B. in der „Totalen Photographie“, frühere Generationen hätten die Dinge danach befragt, ob sie gut. schön, sittlich oder ideal waren, heute dagegen genüge es, daß etwas „ist“, das sei schon sein Mysterium, sein Adel und seine Bedeutung. Deshalb fordert er auch, die Existenzbezeugung solle der Inhalt der modernen Fotografie sein, denn Existieren sei das Erlebnis unseres Realismus. Damit wird ganz eindeutig jede Parteinahme aus dem Foto hinausgedrängt. Pawek holt sie dann allerdings durch die Hintertür wieder herein, wenn er verlangt, man solle einen Bretterzaun so fotografieren, daß das Bild nichts über die Gegend und die sozialen Verhältnisse sagt, oder die „schöne“ Struktur einer Mauer so sehen, daß man sie nicht als Hinterfront häßlicher Häuser erkennt. Hier wird mit aufwendigen Worten theoretisch kanonisiert, was die Arbeiterfotografen der bürgerlichen Bildpresse schon im März 1932 vorwarfen: „Die Linsen der Fotografen verfälschen die Wirklichkeit in ihr Gegenteil. Ihre Hauptstärke liegt im Verschweigen, im Übersehen …“ Wir sind anderer Ansicht als Pawek. Nicht daß etwas ist. macht seinen Adel aus, sondern was es ist, was es heute und hier für den Menschen ist, gibt ihm seinen Wert und seine Bedeutung. Es genügt daher für die ästhetisch-künstlerische Fotografie nicht, die Existenz der Dinge zu bezeugen, darin unterscheidet sie sich ja gerade vom ersten Bereich der Abbilder. Ihre Aufgabe ist es, das Existierende zu deuten, zu erhellen und zu werten, das Gute in seiner Güte und das Schlechte in seiner Miserabilität zu zeigen. Deshalb ist auch die Forderung, das Leben zu fotografieren, noch sehr wenig, wenn nicht hinzugefügt wird, welches Leben und „cui bono“ fotografiert werden soll. Wenn von der Parteilichkeit der Fotografie die Rede ist, so muß zwischen der Propaganda mit dem Bild und der Parteilichkeit als einer ästhetischen Qualität im Bild unterschieden werden. Die optische Anpreisung der Elitetheorie z. B. ist Parteinahme für eine Weltanschauung. aber sie liegt nicht im einzelnen Bild, das an anderer Stelle etwas ganz anderes bedeuten könnte. Sie ergibt sich aus seiner Verwendung im Ensemble der ideologischen Serie. Diese Parteinahme mit Bildern ist nicht auf die ästhetisch-künstlerische Fotografie beschränkt. auch Abbilder des ersten Bereichs, vor allem dokumentarische Bildberichte, können in der Art, wie sie der Betrachtung angeboten werden, eine sehr parteiliche Wirkung haben. Die Parteilichkeit als ästhetische Qualität dagegen ist dem Bild selbst zu eigen. Ein Beispiel dafür mag Krugers „Streik“ sein. Hier geht der subjektive Standpunkt des Fotografen nicht nur als räumliche, sondern auch als ideale Position in den gesamten Bildaufbau ein und wird dadurch für den Betrachter zum ästhetischen Erlebnis. Hinter dem Streikenden, gegenüber der Polizei, wird er mit beinahe physischer Gewalt zur Teilnahme am Geschehen gezwungen.

Der erste Schritt — aber tatsächlich nur der erste — zu dieser Parteilichkeit ist die Wahl der Gegenstände. Denn Dinge und Erscheinungen, die der Fotograf „übersieht“, enthält er dem Betrachter vor und enthält sich selbst der Meinung über sie, wobei seine Nichtbeachtung indessen schon eine Meinung ist. Als Mathew B. Brady 1862 im amerikanischen Bürgerkrieg fotografierte, deckte er schonungslos und realistisch das Wesen des Krieges auf und ging an seinen Schrecken nicht vorüber. Im ersten deutschen Kriegsbericht aus dem Jahre 1870 dagegen sehen wir vor allem gemütvolle Posen und Ansichten der Beutestücke, so wie die Illustrierten sie als Vorlagen für ihre gezeichneten Berichte brauchen konnten. Das bestätigt noch einmal, daß der Mangel an sozialkritischem Realismus in der Fotografie vor dem ersten Weltkrieg keine technischen. sondern ideologische Ursachen hatte. Thomson, Riis, Hine oder Atget blieben Einzelgänger und ohne Einfluß auf die Fotografie ihrer Zeit, weil die Klasse, die an einer sozialen Anklage wirklich interessiert war, weder selbst fotografierte noch eine eigene Bildpresse besaß.

Der zweite und meist entscheidende Schritt zur Parteilichkeit ist dann, wie der Fotograf die Dinge und Ereignisse sieht. Die Scherl- und Ullsteinpresse hat das nach 1918 im Zeichen des sich verschärfenden Klassenkampfes rasch begriffen und die Parteilichkeit der Fotografie geschickt für ihre Zwecke genutzt. Unter dem Deckmantel einer sachlichen Berichterstattung wurden die großen Bildzeitschriften zu Organen einer bürgerlichen Tendenzfotografie. Als Beispiel dafür seien drei Bildberichte der Scherlpresse aus dem Jahre 1932 angeführt. Sie zeigen Versammlungen der Kommunistischen Partei, der Eisernen Front und der Nazis im Lustgarten in Berlin. Alle drei im gleichen Monat und an der gleichen Stelle. Sie bedürfen keines Kommentars.

Die Parteilichkeit der Fotografie hat aber noch einen anderen umfassenderen Aspekt, den der unkundige Beobachter oft übersieht oder nicht in seinen ideologischen Zusammenhängen versteht. Die Abkehr von bestimmten Themen ist bereits eine Meinungsäußerung, sagten wir. Sie ist es um so mehr, wenn ganze Richtungen sich von den großen Gegenständen entfernen und ihre Anhänger auf ein Nebengleis der Zeit schieben. Die Fotografie der 20er Jahre präsentiert gleich zwei solcher Richtungen, die bei aller Gegensätzlichkeit die Abkehr von den bedeutenden Problemen jener Jahre gemeinsam haben. Die eine wird vertreten durch Moholy-Nagy und Man Ray, deren interessante und durchaus ernst zu nehmende Experimente zur Subjektivität der Fotografie sehr rasch in die Manier abglitten und vor allem in der späteren Wiederkehr als „subjektive Fotografie“ zu einer akzentuierten Flucht aus der Realität wurden. Die andere leitete Renger-Patzsch mit dem ehrlichen Bemühen ein, die Welt der kleinen Dinge als ästhetisches Erlebnis zu erschließen. Indem die bürgerliche Propaganda ihn aber zum Vater des fotografischen Realismus schlechthin erklärte, drängte sie gleichzeitig die Vorgänge des gesellschaftlichen Lebens als Themen einer realistischen Fotografie in den Hintergrund. Sie lenkte damit gerade in den entscheidenden Jahren vor 1933 die Objektive von Tausenden von Fotografen auf Kakteen im Gegenlicht, interessante Maschinenteile oder Waldränder und hielt sie damit von einer wirklichen Parteinahme an den großen Fragen der Gesellschaft fern. Um nicht mißverstanden zu werden: Die Gegenstände, die Renger-Patzsch fotografiert, sind durchaus legitime und interessante Gegenstände der Fotografie. Die Bejahung ihrer Schönheit und die Art. sie zu interpretieren, werden lange noch Vorbild bleiben, aber sie sind nicht jener Realismus par excellence, als der sie angepriesen werden.

Form und Inhalt – ein Essay von Catharina Lindgren (Übertragung Peter Zenker)

Foto: Catharina Lindgren

In der Straßenfotografie und im Fotojournalismus spiegeln sich politische Auffassung und Meinung des Fotografen immer im Bild wieder. Wie es
W. Eugene Smith formulierte: „Der journalistische Fotograf kann nichts anderes als seinen persönlichen Ansatz haben, es ist ihm unmöglich objektiv zu sein. Ehrlich ja, objektiv nein.“

Dieser hoch angesehene Künstler hat jedes Bild mit emotionalem Aufruhr bezahlt und für mich ist das eine Leitfaden: Weckt ein Bild keine Gefühle in mir, ist es nicht sinnhaft, sollte es wohl besser nicht veröffentlicht werden.

Was Menschen in einem Foto sehen hängt nicht nur von ihren Kenntnissen der Fotografie ab, sondern auch von ihrer politischen Überzeugung und ihrem sozialen Umfeld. Wir sind alle durch unsere unmittelbare Umgebung, unsere Erziehung und Bildung beeinflusst.

In meiner fotografischen Entwicklung wurde ich stark durch die Fotografie eines Menschen beeinflusst, der politisch nicht auf der gleichen Seite steht wie ich. Ich respektiere ihn nach wie vor als Fotograf, bin aber absolut gegen seine Fotos in denen er die Gegendemonstranten einer von der Polizei geschützten Demonstration der schwedischen ultrakonservativen Partei, die allgemein als nationalistisch und rassistische gesehen werden, in extrem „bösen“ Portraits darstellt. Ich gebe zu, dass ich seine Fotos kraftvoll und eindrucksvoll finde, aber ich vermisse die Gesichter der Ultrakonservativen, die die Ursache der Aggressionen waren, die in den Fotos wiedergegeben werden. Es sieht so aus, als wolle der Fotograf die Rechten schützen während er mit anklagendem Finger nur auf die Linke Seite zeigt.

Im krassen Gegensatz zu solcher schleichenden Verteidigung eines Extrems durch einseitiges portraitieren der Gegenseite, setze ich mich für einen offenen  Ansatz ein. Ich habe deshalb das hier gezeigte Foto als eine aufrichtige Hommage an diese Frauen ausgewählt die nach meiner Meinung wahre Botschafter der Demokratie sind.

Der Dritte Weltkrieg hat bereits begonnen, meine Freunde, und wir werden bald mehr darüber erfahren, denn Trump beabsichtigt, sich auf eine ziemlich aggressive Weise zu engagieren, was dazu führen kann, dass es ihm gelingt, alle Muslime zu vereinen. Ich hoffe ihr werdet unabhängig von den lokalen Nachrichten nicht aus den Augen verlieren, worum es in diesem Krieg wirklich geht und euch daran erinnern: Es geht es nicht darum, zwischen dem Islam und dem Christentum zu wählen. Das Ziel ist es, ein guter Botschafter für Demokratie zu sein.
Das Ziel ist nicht, zwischen dem Islam und dem Christentum zu wählen, das Ziel ist es, ein guter Botschafter für Demokratie zu sein. Altmodische, an weiße Vorherrschaft glaubende Menschen sind anfällig für eine Diktatur, während viele Muslime versuchen, ihre Religion zu modernisieren und zu demokratisieren.

Ich bin auf der gleichen Seite wie die sanften Damen auf dem Bild: für Demokratie, Bildung und Menschenrechte.

Achtet darauf eure eigene Meinung in eure Fotos einfließen zu lassen. Denkt über den Inhalt nach, über das, was ihr inhaltlich mit euren Fotos sagt damit ihr nicht unabsichtlich etwas Wichtiges oder etwas Bedeutungsvolles transportiert. Als Fotografen müssen wir die volle Verantwortung für unsere Bilder übernehmen. Ich fürchte aber, dass einige Menschen nur auf die Form achten und dabei den transportierten Inhalt übersehen.

Anmerkung:
Der Satz „Think about the content–about what you say in your picture–so as not to unintentionally express something important, or something that has a significant meaning.“ Hat mir etwas Probleme gemacht. Im Kontext ist die Aussage eigentlich deutlich, aber in einigermaßen linearer Übertragung letztlich etwas irreführend. Ich habe deshalb Catharina um eine erweiterte Erklärung gebeten.

Sie schrieb:

„Der letzte Teil dieses Absatzes erwähnt, dass ich befürchte, dass viele Menschen über die Form nachdenken, dabei aber vergessen, über den Inhalt (oder die Geschichte) nachzudenken. So könnten diese Menschen dann einen unbeabsichtigten Inhalt vermitteln weil sie statt über den Inhalt nachzudenken sich nur auf die äußere Form, Ähnlichkeiten, Farbkontraste, Juxta Position, schöne Formen oder Muster, besonderen Gesichtsausdruck usw konzentriert haben.
Die Geschichte hinter einem Foto ist wichtiger (oder signifikanter) als die Form Wenn du nur auf die Form in deinem Foto schaust, dann unterschätzt du vielleicht, dass Betrachter die Geschichte dahinter sehen, auch wenn du diese so wie man sie sehen kann womöglich gar nicht erzählen wolltest.

The last part of that paragraph mentions that I fear many people think about form but forget to think about content (or story), these people might unintentionally express something important in terms of content if they have not thought about it, because they look only to see if there is a similarity, or complementary colours, or a juxta, or a nice shape or pattern, or an emotion or a facial expression….
The story of a photo is more important (or more significant) than form, but if you only look for the form in your photo then you might forget that other people see the story, even if you did not intend to tell the story as it is shown in your photo“

Der Originaltext:

Politics and opinions are intrinsic to street photography and photojournalism. We have learned from W. Eugene Smith that: „The journalistic photographer can have no other than a personal approach; and it is impossible for him to be completely objective. Honest—yes. Objective—no.“

This highly regarded artist paid for every picture he made in emotional turmoil, and I take that as an instruction that if a photo doesn’t stir any emotions within me, it isn’t worthwhile and probably shouldn’t be published.

What people see in a photograph depends not only on their education in photography but also on their political opinions and social environment. We are all influenced by our immediate surroundings, as well as our upbringing and powers of understanding.

In the photographic journey of my life, I have in the past been influenced by the photography of someone who was not on the same side of the political fence as me. I still respect him as a photographer, although I am opposed to his portrayal of extremely angry left-wing counter-protesters at a series of police-protected demonstrations organised by the Swedish ultra-conservative party, whose members are often accused of being overly nationalistic and outright racist. I freely admit that his photos are powerful and evocative, but I question the absence of faces of the ultra-conservative demonstrators, who are the cause of the aggression that we see in his photos. It is as if the photographer wants to protect them and point an accusing finger only at the left.

In stark contrast to sneakily defending one extreme by only portraying the opposite extreme of a political opinion, I have a propensity to shun any attempt at throwing a veil over a critical situation and I much prefer to overtly advocate a genuine and openhearted approach. I have therefore chosen to show you this photo, as a sincere tribute to these women who are–in my honest opinion–true Ambassadors for Democracy.

World War III has already began, my friends, and we will soon hear more about it as Trump intends to get involved in a rather aggressive manner, which may have as a consequence that he succeeds in uniting all Muslims. Despite the news reported in your local media, I hope none of you will lose sight of what this war is really about, and remember:

The objective is not to choose between Islam and Christianity, the objective is to be a good ambassador for democracy. Old-fashioned white supremacists are prone to favour a dictatorship, while many Muslims seek to modernise their religion and favour democracy.

I am on the same side as these gentle ladies, for democracy, education, and human rights.

Take care to project your opinions in your photos. Think about the content–about what you say in your picture–so as not to unintentionally express something important, or something that has a significant meaning. As photographers, we must take full responsibility for our photos. I fear that some people look only at the form and tend to overlook the content.

Catharina Lindgren

 

Arbeiterfotografie Berlin auf der RLK und LL Demo 2017

Wirklich sicher waren wir nicht, ob wir es schaffen würden mit dem krankheitsbedingt stark reduziertem Team alles stemmen zu können: Infotische auf der RLK, fotografische Begleitung der gesamten Konferenz und dann noch am Tag darauf unser Fotografenzelt in der Infomeile der Liebknecht Luxemburg Demonstration aufzubauen und die Besucher mit Bildern und Informationen zu versorgen. Aber Dank des großen Engagements aller Mitglieder hat alles wunderbar geklappt, wir sind sehr zufrieden.

In der Halle des MOA Hotels konnten Gabriele, Editha und Frederico den vielen interessierten Besuchern die selbst gestellten Aufgaben, die Pläne und die Ziele der Berliner Arbeiterfotografen nahe bringen und die erreichte fotografische Qualität und Aussagekraft mit vielen ausgelegten Fotos belegen.

Sehr motivierend war die allgemeine große Zustimmung zu unserem Entschluss unsere Aktivitäten wieder unter dem Label Arbeiterfotografie Berlin zusammen zu fassen.
Da die Gruppe R-Mediabase, mit der uns freundschaftliche Bande verknüpfen wegen der Unwetter im Westen ihre Teilnahme absagen musste, hat unser Team den Infostand von R-Mediabase gleich mit betreut. Während der ganzen Konferenz waren Andrea, Jens und Frank nahezu pausenlos mit der fotografischen Dokumentation der Konferenz beschäftigt.

Am Sonntag in der Frühe wurde bei klirrender Kälte unser bewährtes Fotografenzelt aufgebaut. Hatte es im Vorfeld noch Diskussionen darüber gegeben, ob der Aufwand sich wirklich lohnen würde, zeigte der Besucherandrang wie richtig und wichtig es war, das Fotografenzelt zu aktivieren. Viele alte Bekannte und noch mehr neue Interessenten besuchten unsere mobile Fotoausstellung im Zelt und informierten sich über den Entwicklungsstand der Arbeiterfotografie Berlin.

Sehr motivierend für unser Zelt-Team Gabriele, Frederico und Editha auch hier die Zustimmung zu unserem Thesenpapier und unserer Aktivität.
Unterm Strich waren RLK und LLDemo zwar sehr anstrengend aber ein großartiger Erfolg und ein Ansporn weiter zu machen.

Kurzer historischer Abriss zur Arbeiterfotografie

Historische Arbeiterfotografie

  • Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts war die Fotografie technisch so weit entwickelt, dass sie für die arbeitende Bevölkerung erschwinglich und beherrschbar wurde.
  • Aus zunächst kleinen Fotozirkeln wurde eine Massenbewegung
  • 1925 gründet Willi Münzenberg die Arbeiter Illustrierte Zeitung AIZ, die ab 1927 wöchentlich erscheint. Der erste Chefredakteur Franz Höllering: „Das fotografische Bild ist ein Massenbeeinflussungsfaktor erster Ordnung.“ Die AIZ wird zu einer der größten Illustrierten Deutschlands mit rund 500.000 Auflage.
  • Unter dem Einfluss der Illustrierten AIZ entstand 1927 die „Vereinigung der Arbeiter ‐Fotografen Deutschlands“ (VdAFD) mit 25 Ortsgruppen. Die Verbindung zur KPD, die den Aufbau der Organisation nachhaltig mit betrieben hatte, blieb eng.
  • Die Arbeiter ‐Fotografen entwickelten ein reges Vereinsleben, schufen Dunkelkammern, boten Fort ‐ und Ausbildung in fotografischen Techniken und fotografierten für die kommunistische und Gewerkschaftspresse, die Zeitungen der Sozialdemokratie, die der Arbeitersportorganisationen und den „Naturfreund“, dem Organ der Naturfreunde.
  • Zur Schulung und Weiterentwicklung gibt der Verband die Monatszeitschrift „Der Arbeiterfotograf“ heraus. 1929 gehörten dem VdAF 1.480 Mitglieder an. Der Arbeiter ‐Fotograf erzielte eine Auflage von 7.000 Exemplaren. 1931, zur III. Reichskonferenz des VdAF, waren schließlich in rund 100 Ortsgruppen 2.312 Mitglieder organisiert. Ende 1932 gehörten 125 Gruppen dem VdAF an.
  • Die Zeitschrift Der Arbeiterfotograf schrieb: „Du sollst deinen Fotoapparat gebrauchen lernen wie einen Bleistift“.

Moderne Arbeiterfotografie

  • In der Folge der 1968er ‐Bewegung wuchs ein neues Bewusstsein für die Traditionen und Errungenschaften der Arbeiterbewegung.
  • In diesem Zusammenhang kam es ab 1972 zur Gründung von Arbeiter ‐Fotografie ‐Gruppen, 1972 in Hamburg, 1973 in Köln und so weiter. Es entstand eine Vielzahl von lokalen Gruppen
  • Diese Gruppen arbeiteten im Wesentlichen projektorientiert zu lokalen gesellschaftlichen Problemen, zu Arbeitskämpfen, Arbeits‐ und Lebensbedingungen, begleiteten fotografisch die Aktivitäten von Bürgerinitiativen und organisierten Ausstellungen
  • Die Kunstzeitschrift „tendenzen“ des Münchner Kunstwissenschaftlers und Galeristen Richard Hiepe berichtete regelmäßig über die Entwicklung der Arbeiterfotografie in der BRD. Seit 1973 erscheint die Zeitschrift Arbeiterfotografie.
  • 1978 wurde in Essen der Bundesverband Arbeiterfotografie gegründet, in Westberlin die Arbeiterfotografie Berlin(West)
  • In der Präambel der Satzung heißt es: Arbeiterfotografie als realistische Fotografie soll die menschlichen und materiellen Probleme als gesellschaftlich bedingte bewusst machen, soll die Dokumentation und fotografische Gestaltung der Lebens ‐ und Arbeitsbedingungen der arbeitenden Menschen, ihren politischen Kampf, aber auch ihre Persönlichkeit, ihre Ideen und Freuden in den Mittelpunkt stellen…. Sie muss von den demokratischen Bewegungen unseres Landes bestimmt sein und dazu beitragen, soziale und politische Konflikte auf gesellschaftliche Perspektiven zu orientieren.
  • Engagierte Fotografie darf nicht stehenbleiben beim Abbilden des Alltäglichen. Sie muss politische Zusammenhänge verdeutlichen und Perspektiven aufzeigen, Denkanstöße in dieser Richtung geben. Engagierte Fotografie ist agitatorische Fotografie
  • Engagierte Fotografie darf nicht beim Bild an sich stehen bleiben. Ein Bild ist weder gut noch schlecht. Erst durch Wechselbeziehung und Zusammenhang erhält es seine politische Dimension. Engagierte Fotografie definiert sich durch ihren Verwendungszusammenhang.
  • Engagierte Fotografie darf nicht in vagen Andeutungen stecken bleiben, sie muss klare Aussagen transportieren.
  • Engagierte Fotografie darf nicht isoliert agieren. Sie muss zusammenwirken mit den fortschrittlichen Kräften unserer Zeit. Nur so kann sie auf Dauer ihre Kraft entfalten.
  • Engagierte Fotografie muss politisch wirken. Ohne das Ziel der politischen Wirksamkeit ist engagierte Fotografie überflüssig.

Der große Bruch

• Heute gehört der Vorstand des Bundesverbandes Arbeiterfotografie zur Querfront, vertritt Verschwörungsideologien und arbeitet mit Rechtspopulisten zusammen. Die meisten alten Mitglieder sind ausgetreten, die verbliebenen Gruppen außer Köln haben sich vom Bundesverband getrennt.

  • Dieser Wandel wurde möglich, weil wir anderen „gepennt“ haben.
    Der ehemalige Arbeiterfotograf Anton Safer schreibt dazu auf seiner Facebookseite:
    Zitat: Antisemitismus und Verschwörungspropaganda verbreitet die Kölner „Arbeiterfotografie“. Dereinst waren solche Einstellungen in diesem Verein nicht toleriert, doch nach 2000 haben sich ein paar Leute den Verein mit höchst undemokratischen Mitteln gekapert. Heute ist das pure „Querfront“, die mit Rechtspublizisten wie Jürgen Elsässer und Udo Ulfkotte zusammen arbeitet, und deren krude Verschwörungspropaganda verbreitet. Angeblich „links“ marschieren diese Leute mit dem rechten Rand zusammen, und frönen einem subtilen Antisemitismus. So berechtigt Kritik an der Besatzungs-Politik Israels ist, darf sie aber nicht mit antisemitischen Parolen und Akteuren daherkommen. Schon gar nicht mit Haßpropaganda. Auf den Seiten der Arbeiterfotografie wurde/wird aber auch für den rechtsextremen Kopp-Verlag geworben, und Haßpropaganda gegen Muslime verbreitet. Der Haßjournalist Udo Ulfkotte hat dort zB Märchen über den „Fäkalien-Jihad“ in Österreich verbreitet. Einfach unglaublich!
    Zitat Ende
    wir-sind-ausgetreten

Alternativen 

R ‐Mediabase FORUM FÜR MEDIALE GEGENÖFFENTLICHKEIT ‐ VERBAND FÜR KRITISCHEN BILDJOURNALISMUS (www.R ‐Mediabase.eu)

  • R ‐mediabase bekennt sich zu Frieden, Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Selbstbestimmung, den Menschenpflichten und Rechtsstaatlichkeit und ist gegen Faschismus und mangelhafte Garantien von Grund ‐ und Menschenrechten. Wir veröffentlichen sozial engagierte, kritische und künstlerische Arbeiten. R ‐mediabase schließt Bilder, Filme oder Reportagen mit menschenverachtenden, pornografischen, kriminellen oder diskriminierenden Inhalten aus. Arbeiterfotografie Alternative
  • R ‐mediabase stellt Bilder, Reportagen oder Ausstellungen gemeinnützigen und karitativen Organisationen, politisch aktiven Gruppen, alternativen Bewegungen und für andere nichtkommerzielle Veröffentlichungen kostenlos zur Verfügung. Eine kommerzielle Nutzung der Werke, die den Medienschaffenden dient, ist möglich.
  • R ‐mediabase ist ein steuerlich anerkannter Kulturverein, Gewinnerzielungsabsicht ist ausgeschlossen. Mitglieder und Spenden sind immer willkommen. Arbeiterfotografie Alternative

Fortschrittliche Arbeiterfotografie

  • Die aus dem Bundesverband ausgetretene Gruppe in Kiel arbeitet unter dem Dach der Gewerkschaft weiter unter dem Namen „Kieler Arbeiterfotografen“
  • Ehemalige Mitglieder um Peter Werner (Kiel), Gabriele Senft( Berlin) und Peter Zenker (Berlin) haben begonnen, andere ehemalige Arbeiterfotografen und neue Interessenten um sich zu sammeln.
  • Um den Namen nicht der Querfront zu überlassen, wurde auf Facebook die Seite https://www.facebook.com/Arbeiterfotografie eröffnet

Im November 2016 entschlossen wir uns Nägel mit Köpfen zu machen, wir lassen die Gruppe Arbeiterfotografie Berlin wieder aufleben.
Unser Internetauftritt Arbeiterfotografie Berlin soll über unsere Aktiviten informieren, in unserer Internetgalerie stellen wir engagierte Fotografen vor und unser Forum lädt Mitglieder und Nichtmitglieder zur Diskussion ein.

Vorbild, Mentor, Freund – Der Fotograf Horst Sturm

Liest man die Biographien von Fotografen, so findet man zwei unterschiedliche Aussagen zum Thema Vorbilder: Die eine Gruppe schreibt, sie arbeite völlig aus dem eigenen Empfinden heraus, habe keine Vorbilder sei künstlerisch selbstständig. Die andere Gruppe beruft sich auf (meist) bekannte, erfolgreiche Fotografen, sieht deren fotografische Arbeiten als beispielhaft an, versucht in den Spuren der Vorbilder zu wandeln. Es wundert nicht, dass die Liste der Namen sehr lang ist, wenn man an die vielfältigen Ausdrucksformen der Fotografie denkt.

Bei den Arbeiterfotografen, die ich kenne, ist das Bild weniger differenziert. Fast jeder von uns hat ein oder mehrere Vorbilder, deren Fotografie er als prägend und stilbildend für seine eigene Arbeit ansieht.

Im Unterschied zu vielen anderen Fotografen berufen sich die meisten von uns darüber hinaus aber viel stärker auf die Geisteshaltung ihrer Vorbilder, die hinter deren Fotos steckt, die diese Fotos erst zu dem macht, was sie sind.
Waren es bei mir der Arbeiterfotograf Franz Ropenus aus Essen, Facharbeiter an einer Drehbank bei Krupp und der Bildreporter der NBI Jochen Moll, die mich auf den Weg brachten, so war es für Gabriele Senft ihr Lehrer, Mentor und Freund, der ADN Fotograf Horst Sturm, der mit seiner Liebe zu den Menschen ihren ganzen Lebensweg als Mensch und Fotografin prägte.
„Gute Fotografie ist vor allem wahrhaftig. Engagierte Fotografie berichtet von den Menschen und ihren Umständen. Beides zu verbinden, ist Einfaches, das schwer zu machen ist.“ ist der Auftrag, den wir von unseren Vorbildern übernommen haben.
Zur Vorstellung des Fotografen Horst Sturm in der Galerie der Arbeiterfotografie Berlin

Arbeiterfotografie Berlin zeigt Flagge

Dass wir ausgetreten sind reicht nicht, das ist uns noch einmal eindringlich bewusst geworden, als wir vom neuesten antisemitischen Auftritt der wenigen verbliebenen Mitglieder des sogenannten „Bundesvorstand Arbeiterfotografie“ auf der linken Literaturmesse in Nürnberg erfuhren.

Jahrelang haben wir in der Tradition der historischen Arbeiterfotografie gearbeitet, haben NGOs, Flüchtlinge, Gewerkschaften und andere gesellschaftlich aktiven Gruppen mit unseren Fotos unterstützt, Arbeiterfotografie war Teil unseres politischen Lebens. Sollen wir weiter zusehen, wie der gute Name von einigen wenigen benutzt wird, um Verschwörungsideologie und Antisemitismus zu verbreiten?

Nein, wir haben uns stattdessen entschlossen, ab sofort wieder unter dem Namen Arbeiterfotografie Berlin zu arbeiten. Damit stellen wir uns in eine Reihe mit der Gruppe Arbeiterfotografie Kiel, die diesen Entschluss schon vor einem Jahr gefasst hat. Wir rufen alle ehemaligen Arbeiterfotografen, aber auch alle Fotografen, die sich der Tradition der historischen Arbeiterfotografie verbunden fühlen auf, sich uns anzuschließen, es ist nicht nur ein historischer Begriff, es ist Zeit, den ehrenvollen Namen mit Leben zu erfüllen. Wir hoffen, dass andere in ihren Städten ebenfalls Gruppen bilden.

Gabriele Senft, Hilli Zenker, Peter Zenker

Kontakt: Redaktion@Arbeiterfotografen.de